Über SubKon und Michael Bubendorf

Warum eigentlich SubKon?

Gestern - Kultur
Psychedelische Musketiere

Turn on, Tune in, Drop out!

In den 1950er-Jahre weckte die Forschung mit psychedelischen Substanzen grosse Hoffnungen. LSD, Psilocybin, Meskalin und DMT versprachen, einige der schlimmsten Geiseln der Menschheit für immer in die Geschichtsbücher zu verbannen. Die Symptome von mehr als 40000 Patienten wurden behandelt, und konnten sehr oft deutlich und rasch gelindert werden, viele Menschen wurden vollständig geheilt. Cluster-Kopfschmerz, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen wurden massiv gelindert oder geheilt und Abhängigkeiten von Substanzen wie Alkohol, Kokain und Opioiden wurden überwunden. An der Universität Harvard entstand eine regelrechte Begeisterung für die Psychedelikaforschung. Hier forschten die Professoren Timothy Leary und Richard Alpert gemeinsam mit dem Doktoranden Ralph Metzner begeistert mit den neuen Stoffen.

«Hey, Tim, du solltest mal diese Pilze probieren.»

Die neu aufkommenden Psychedelika waren noch nicht gesetzlich reguliert, als Timothy Leary zum ersten Mal Zauberpilze angeboten wurden. In seinem selbstironisch betitelten Buch «High Priest» vergleicht Leary die psychedelische Erfahrung mit der Schöpfung des Universums: «Am Anfang war der Trip. Die Erleuchtung, der plötzliche Blitz, dessen Energie ein neues System startet. Der Trip war Gott.» Die Erfahrung sollte Leary für immer verändern, der klinische Psychologe fand einen ganz neuen Zugang zu seinem Selbst: «Was passiert, wenn du trippst? Du gehst nach innen. Bewusstseinswandel. Deine Nervenenden werden Empfangsgeräte für die zeitlose Nachricht Gottes, die in deinem Körper vibriert.» Leary beschloss, diese Erfahrung auch seinem Professorenkollegen Alpert zu ermöglichen. Auch der war begeistert von seiner ersten psychedelischen Erfahrung, die er in seinem Buch «Be Here Now» beschreibt: «Ich fand einen Ort, wo «ich» unabhängig von einer sozialen und physischen Identität existierte. Das, was ich jenseits von Leben und Tod war.» Dieser erste Trip habe ihn befreit, wie er in «Geburt einer psychedelischen Kultur» berichtet und auch ihn sollte die Erfahrung für immer verändern. «Als Ergebnis der Psilocybin-Erfahrung hatte ich das Gefühl, dass das Zeug, das ich lehrte, schierer Unsinn war. Ich lehrte Unsinn, und die Studenten schreiben alles eifrig auf. Mir wurde klar, dass die Psychologen die Welt für eine psychologische Welt halten, und nach dieser Erfahrung war ich sicher, dass die Welt sehr viel mehr ist als das.»

Daraufhin startete Leary das Harvard Psilocybin Project mit dem Ziel, Psychedelika systematisch als Werkzeuge der Psychologie zu untersuchen. Alpert und Metzner stiessen dazu und das Team setzte sich ehrgeizige Ziele, wie das Concord Prison Experiment, bei dem Leary wörtlich «Strafgefangene in Buddhas verwandeln» wollte. Das Projekt lieferte Grundlagen im Umgang mit Psychedelika, die bis heute gültig sind, wie die Bedeutung von Set und Setting, die richtige Vorbereitung der Teilnehmenden, die therapeutische Begleitung und anschliessende Integration der Erfahrung. Doch das vielversprechende Projekt wurde jäh beendet.

Torschliessung des Bewusstseins

Der Erfolg des Psilocybin Projekts an der Universität war gewaltig. Es zog viele gute Doktoranden und Forschungsgelder an, was den Neid der anderen Dozenten anfachte. Dass Leary und Alpert bei den Experimenten oft auch selbst Substanzen zu sich nahmen, eröffnete Angriffsflächen. Gepaart mit Vorwürfen methodischer Probleme und zunehmendem politischem Druck beendete die Universität das Projekt und entliess die beiden Professoren Alpert und Leary. Der Doktorand Metzner schloss seine Promotion an Harvard 1964 ab und verliess die Universität danach freiwillig. Doch andernorts wurde weiter intensiv mit den vielversprechenden Substanzen geforscht. Der Amerikanische Professor James Fadiman schreibt in «The Psychedelic Explorer’s Guide»: «1966 gab es im ganzen Land etwa sechzig Projekte, die aktiv LSD erforschten. LSD war die am intensivsten erforschte psychoaktive Substanz der Welt.

Aus einer dieser Untersuchungen wurde Professor Fadiman wegen einer dringenden Kurierzustellung gerufen. «Der Brief der amerikanischen Arzneimittelbehörde war kurz. Er wies uns an, dass per Erhalt des Briefes die Erlaubnis zur Nutzung psychedelischer Substanzen beendet sei. Dutzende andere Forschungseinrichtungen erhielten am gleichen Tag dieselbe Nachricht. Das Ende der Forschung war Folge einer jahrzehntelangen Kampagne gegen psychedelische Substanzen, die den Ruf der vielversprechendsten psychoaktiven Mittel langfristig zerstörten. Zu den Motiven dieser Kampagne lassen sich Bücher füllen. Sicher ist, dass der zunehmende Gebrauch von Psychedelika eng mit der Gegenkultur der 1960er-Jahre verknüpft war. Viele Zeitgenossen sahen darin einen Faktor, der die Unterstützung für den Vietnamkrieg schwächte und zahlreiche Menschen dazu veranlasste, traditionelle Lebensentwürfe und gesellschaftliche Konventionen infrage zu stellen. Mittendrin in dieser Gegenbewegung: Zwei ehemalige Harvard-Professoren.

Die beiden Professoren reagierte sehr unterschiedlich auf ihre Entlassung. Während der selbstbewusste Leary sich nur deshalb über den Rauswurf bei Harvard ärgerte, weil dieser seine Mutter beunruhige, beschrieb Alpert die Kündigung als «existenziellen Schock». Doch die Pioniere dieser psychedelischen Kultur hatten vorausschauend schon 1962 begonnen, Strukturen ausserhalb Harvards aufzubauen: Unter dem Aufsichtsgremium von Leary, Alpert, Metzner und weiteren schillernden Persönlichkeiten wie Alan Watts wurde die unabhängige «International Federation for Internal Freedom (IFIF). Als der politische Druck gegen Psychedelika in den USA zunahm, organisierte die IFIF «Psychedelische Trainings-Programme» in Zihuatanejo, Mexiko. Dort setzten die drei psychedelischen Musketiere ihre Forschungen fort. Über hundert Personen nahmen an den Sitzungen teil, die von Leary und Metzner geleitet wurden, während Alpert sich in Newton, USA um die Verwaltung des Projekts kümmerte. Jedoch wird auch dieses Programm beendet – dieses Mal von den mexikanischen Behörden. Die Teilnehmer wurden unter chaotischen Umständen aus Mexiko ausgewiesen, worauf sich die emotional und finanziell angeschlagene Gruppe in den USA auf einen Privatbesitz in Millbrook, New York zurückzog.

Die Millbrook-Kommune

Die Direktorin des New Yorker IFIF-Ablegers, Peggy Hitchcock überliess der Stiftung ein grosses Haus im entlegenen nördlichen Teil von New York zur freien Benutzung. Alpert erinnert sich: «Wir fuhren hinauf und machten mit Kerzen in der Hand eine Tour durch das Gebäude. Wir gingen durch etwa 60 Räume, es war einfach wunderbar.» Ein von Steinbrücken gequerter Bach floss durch das riesige, verwilderte Anwesen. Spazierwege führten zu Türmen und einem zweistöckigen Landhaus, auf dessen Dach eine Bowlingbahn eingerichtet war. Hier begann die Gruppe mit einer Serie von Experimenten, die individuelle psychedelische Erfahrungen von Alleinheit auf menschliche Beziehungen übertragen sollten. Das grosszügige Anwesen wurde restauriert, Leary und Alpert hielten Vorträge und arbeiteten an Büchern und Artikel. Eine bunte Mischung von Menschen kursierte in Millbrook, Musiker, Akademiker, Schriftsteller und selbst die berühmt-berüchtigten «Merry Pranksters», deren Motto sich in einem einzigen Wort - «Weiter!» - verdichtete, verbrachten hier einige Zeit mit dem ehemaligen Harvard-Personal. Was als avantgardistische Forschergruppe begann, wurde zunehmend zu einer Hippiekommune, in der sich immer exzessivere Psychedelika-Experimente mit freier Liebe zu vermischen begannen. Die Auflösung von Strukturen blieb nicht ohne Folgen: Als die offene Ehe von Ralph Metzner in Brüche ging, wandte er sich nach Indien. «Ich wollte der mythischen Suche folgen, die Hermann Hesse beschrieben hat. Es sollte eine Forschungsreise werden, um mit hinduistischen und buddhistischen Lehrern über den möglichen Gebrauch von bewusstseinserweiternden Drogen als Hilfsmittel für die Meditation zu sprechen.» Leary folgte Metzner auf den Subkontinent, um dort die Flitterwochen mit seiner Ehefrau Nena von Schlebrügge zu verbringen. Doch Leary’s Ehe überlebt die «Himalaya-Flitterwochen» nicht.

Metzner und Leary kehrten nach Millbrook zurück, wo sich den beiden chaotische und deprimierende Szenen boten. Es gab Zwist zwischen zwei Lagern, «eines, das darum bemüht ist, wenigstens eine minimale Ordnung aufrechtzuerhalten, ein anderes, dem es bloss darum geht, die ganze Zeit so high wie möglich zu bleiben». Leary erinnert sich in seiner Autobiografie «Flashbacks»: «Sechs Monate der Veränderung hatten Millbrook aus einer Gemeinschaft von Gelehrten und Wissenschaftlern zu einem Spielplatz von rüpelhaften Omnisexuellen gemacht. Es war ein Wettstreit der neurologischen Zerstörung, wobei sie das Pedal des Wahnsinns bis zum Boden niedertraten, und dabei unzweifelhaft sämtliche Rekorde offensichtlicher Überdosierung brachen.» Alpert, der zu letzterer Gruppe gehört, wurde von Leary und Metzner für das Chaos verantwortlich gemacht und 1965 aufgefordert, Millbrook zu verlassen. Die Wege der drei psychedelischen Musketiere trennten sich. «Wie Ritter, die ihr Pferd sattelten, beschlossen wir, uns unserer jeweils eigenen Suche zu widmen und unsere eigenen Interessent zu verfolgen».

Der Guru

Richard Alpert erfuhr mit seiner Verbannung aus Millbrook ein zweites Mal radikale Ablehnung, die ihn in eine tiefe Sinnkrise stürzte. Zu diesem Zeitpunkt erhielt er von einem jungen Geschäftsmann – Alpert hatte ihn kurz zuvor mit LSD vertraut gemacht – eine besondere Einladung zu einer Reise, die ihn nach Leary und Metzner ebenfalls auf den Subkontinent bringen sollte: «Dieser liebenswerte Kerl hatte einen Land Rover in Teheran und das war mein Ausweg. Was sonst hätte ich an diesem Punkt noch tun können?» 1967 fuhren die beiden im mit Thunfisch und Vivaldi-Bändern vollgepackten Land Rover vom Iran über Afghanistan nach Indien. Mit im Gepäck: Eine Flasche LSD. «Ich war desillusioniert von der psychedelischen Szene. Sie waren alle hirnrissig oder neurotisch. Ihr Leben war ein einziges Chaos. Ich hatte Jahre zuvor begonnen, mich für östliche Spiritualität zu interessieren, als Aldous Huxley uns ermuntert hatte, das Tibetische Totenbuch zu lesen.» Doch bevor es zur tiefgreifenden Transformation kommen konnte, die Alpert in seinem autobiografischen Werk «Be Here Now» festhielt, musste er durch ein tiefes Tal der Ziellosigkeit: «Wir hatten alles gemacht. Wir haben den Dalai Lama besucht, ritten auf Pferden in Kashmir und landeten schliesslich in Katmandu, Nepal. Ich wurde extrem depressiv. Ich wusste nicht, was ich als nächstes tun sollte. Die Verzweiflung an diesem Punkt war extrem intensiv. Ich war sehr traurig.» Alpert war in dieser Stimmung, als er im berühmten Hippie-Restaurant «The Blue Tibetan» in Kathmandu auf einen eindrücklichen Landsmann traf. «Da betritt dieser aussergewöhnliche Typ den Raum. Indische Kleidung, zwei Meter gross, blonde Haare, langer blonder Bart. Kommt direkt an unseren Tisch und setzt sich. Es war, als würde man einen Felsen treffen.» Alpert beschloss spontan, sich dem Fremden anzuschliessen, der auf den Namen Bhagwan Dass hörte. «Wie absurd! Ich bin um die halbe Welt gekommen um einem 23-jährigen aus Laguna Beach, Kalifornien durch Indien zu folgen.»

Die Reise war anstrengend. «Du wirst doch nicht etwa Schuhe tragen?» Die Frage von Baghwan war mehr eine Anordnung. So schleppte sich Alpert bald mehr tot als lebendig durch Indien. «Ich hatte nur noch meine Umhängetasche, Blasen an den Füssen und den schlimmsten Durchfall, den man sich vorstellen kann. Und alles, was Bhagwan Dass sagte, war: „Nun, dann faste eben ein paar Tage.“» Ohnehin müsse man nun in die Berge: «Ich habe ein Visa-Problem. Wir müssen meinen Guru besuchen.» Alpert war nicht begeistert. «Ich wollte keinen Guru sehen – plötzlich wollte ich nur noch eines: Zurück in die USA.» Nur widerwillig verhalf ihm Alpert dazu, den Land Rover auszuleihen und begleitete ihn in die Berge. Bei einem Tempel stieg Baghwan aus, fragte, wo sein Guru sei und rannte einen Hügel hoch. Alpert bemühte sich Schritt zu halten, rannte über den felsigen Pfad – seine Füsse waren mittlerweile zäh geworden – und ärgerte sich. Er sah, wie sein Führer zu einem Mann rannte, sich vor ihm zu Boden warf und die Füsse des Mannes berührte, der mit gekreuzten Beinen vor ihm sass. «Ich werde seine Füsse nicht berühren. Das muss ich nicht tun.» Doch es dauerte nicht lange, und Richard Alpert erwärmte sich für Neem Karoli Baba, den seine Anhänger «Maharaji» nannten und als einer der grossen Heiligen Indiens verehrten. Alpert verbrachte mehrere Monate bei Maharaji und erlebte dabei eine Transformation, die sein Leben komplett umkrempelte. Nicht einmal sein Name blieb unberührt. Von seinem neuen Guru erhielt er den Namen Ram Dass («Diener Gottes»), den Alpert für den Rest seines Lebens führen sollte.

Leary war entgeistert von der Verwandlung seines Freundes. «Auch wenn Alpert für unsere wissenschaftliche Szene zu neurotisch und sexuell zu avantgardistisch erschien, begann sein moralisches Pendel von der Minute an, in der wir uns trennten, in die Gegenrichtung auszuschlagen. Fünf Jahre später, als man mich den gefährlichsten Mann der Welt nannte, war Dick zu Amerikas am meisten respektierten Hindu-Swami Baba Ram Dass geworden. Ein richtiger Heiliger.»

Maharaji schickte seinen Jünger Ram Dass 1968 zurück nach Amerika, um weiterzugeben, was er bei ihm gelernt hatte. Er lebte glücklich als spiritueller Lehrer, Yoga-Guru, Psychologe und Autor mehrere Bestseller, die einen wichtigen Beitrag zur Popularisierung östlicher Spiritualität im Westen. Nach seiner Rückkehr hörte er weitgehend auf, Psychedelika zu konsumieren. Er beschrieb diese Substanzen als wichtige Mittel, die zeigen, dass es andere Welten gibt. Sie können aber nicht langfristig befreien. Sobald man die Realität geistiger Welten entdeckt habe, müsse man die dauerhafte Veränderung durch spirituelle Praxis verwirklichen. Ram Dass starb 2019 frei und friedlich 88-jährig auf Hawaii.

Der Rebell

Timothy Leary beschritt einen anderen Weg. Das grosse Haus in Millbrook wurde geschlossen und mit Brettern vernagelt. Leary wollte die USA mit seinen beiden Kindern verlassen, um in Mexiko ein Buch zu schreiben. Doch beim Überqueren der Grenze wurden er und seine Tochter wegen Besitzes von Marihuana verhaftet und angeklagt. Auf Kaution entlassen, kehrten sie nach Millbrook zurück, das Haus wurde wiedereröffnet und der Leary Legal Defense Fund ins Leben gerufen. Es begann das erste von vielen Justizverfahren, die Leary noch bestreiten sollte. Er nutzte die Medien, um in der Öffentlichkeit Bewusstsein zu schaffen, sowohl für die absurden Verfahren gegen ihn persönlich als auch für die freie Verfügbarkeit von Psychedelika in der Gesellschaft. Der Erfolg blieb ihm in beiden Anliegen verwehrt. Psychedelika wurden gesetzlich verboten und er selbst wegen Schmuggels einer sehr kleinen Menge von Marihuana zu dreissig Jahren Gefängnis verurteilt. Wie so oft vor und nach Leary wurde die Justiz als Waffe gegen politisch unbequeme Menschen eingesetzt. «Vier Jahre und Tausende von Stunden und Dollars später wurde das Urteil vom Verfassungsgericht der USA als eine «grausame und ungewöhnliche Strafe» niedergeschlagen.» Doch das half wenig. In einem weiteren Verfahren wurde Leary, nachdem bei einer Durchsuchung zwei Jointstummel bei ihm gefunden wurden, zu weiteren zehn Jahren Gefängnis verurteilt. «Die Behörden hatten es offensichtlich darauf abgesehen, ihn hinter Gitter zu bringen.» Leary ging ohne Rücksicht gegenüber sich selbst, aber auch anderen vor. Ram Dass kritisierte später: «Das Marihuana wurde in der Unterwäsche seiner Tochter Susan gefunden. Und Tim wollte dies zu dem Fall aller Fälle machen. Aber so etwas machst du nicht, wenn dein Pot in der Unterwäsche deiner Tochter gefunden wird.» Doch Leary hatte eine Mission: Mit dem Slogan «Turn on, Tune in, Drop out!» stellte er sich an die Spitze der «Counter Culture» und setzte sich vehement für seine Mission ein. Jeder Erwachsene sollte das Recht haben, sein Bewusstsein frei zu erforschen. Doch das war zu radikal für die amerikanische Justiz. Wohl zu Recht sah sich Leary in die Rolle des Widerständlers gedrängt: «Und so geschah es, dass ich Schritt für Schritt von wissenschaftlich distanzierter und gelehrter Zurückgezogenheit in die öffentliche Opposition gegen die Politik der herrschenden Regierung gedrängt wurde.» Doch Leary hatte auch ein Flair für den Konflikt, wie er selbst schreibt: «Ich bereute es nicht mehr, ein Aussenseiter zu sein. Die Auseinandersetzung begann mir Spass zu machen. Und ich war nicht allein in meiner Rebellion. Eine kulturelle Revolution war in Gang gekommen.»

Die Revolution scheiterte. Als Leary 1970 seine Haftstrafe antrat, füllte er den - von ihm selbst mitentwickelten - Einstufungstest so aus, dass er das Bild eines gehorsamen und angepassten Menschen mit ausgeprägtem Interesse an Forstwirtschaft und Gartenbau abgab. Daraufhin wurde er in einem Gefängnis mit geringen Sicherheitsvorkehrungen als Gärtner eingesetzt, von wo ihm auf spektakuläre Weise die Flucht gelang. Leary kletterte an einem Telefondraht über die Gefängnismauern, wo ihn die militante Untergrundorganisation der «Weathermen» in Empfang nahm und ihm zur Ausreise nach Algerien verhalf. Dort fand er Unterschlupf bei im Exil lebenden militanten Amerikanern, mit denen er sich aber bald verstritt und deshalb in die Schweiz weiterfloh. Er erhielt hier zwar kein Asyl, wurde aber auch nicht an die USA ausgeliefert und nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt wieder entlassen. In der Schweiz lernte Leary auch den Entdecker von LSD, Albert Hofmann kennen, der das Lysergsäurediethylamid-25 in den Labors der Sandoz aus einer im Mutterkornpilz vorkommenden Verbindung entwickelte. Hofmann beschrieb die Begegnung in seinem Buch «LSD – mein Sorgenkind»: «Bei einer Flasche Weisswein nahm der Dialog zwischen dem Vater und dem Apostel des LSD seinen Anfang.» Auch wenn Hofmann die Propagierung von LSD bei Jugendlichen kritisch sah, «hinterliess Leary bei mir den Eindruck einer liebenswürdigen Persönlichkeit, die, durchdrungen vom Glauben an die Wunderwirkungen der psychedelischen Drogen, recht hoch in den Wolken schwebt und dazu neigt, praktische Schwierigkeiten und Gefahren zu unterschätzen oder gar zu übersehen. Diese Unbekümmertheit legte Leary auch gegenüber Gefahren, die seine eigene Person betrafen an den Tag.»

Über Wien floh Leary weiter nach Afghanistan, wo er am Flughafen Kabul von Agenten des amerikanischen Geheimdienstes verhaftet und in ein kalifornisches Gefängnis gebracht wurde. Erst 1976 wurde er freigelassen. Hofmann beschrieb den weiteren Lebensweg Leary’s lakonisch: «Er beschäftige sich nun mit psychologischen Problemen der Weltraumfahrt und mit der Erforschung der kosmischen Entsprechungen des menschlichen Nervensystems im interstellaren Raum, also mit Problemen, deren Studium ihm von seiten der Behörden wohl keine Schwierigkeiten mehr einbringen wird.» Doch auch seine letzte Lebenszeit war nicht frei von Tragödien. Nachdem in jungen Jahren schon seine Ehefrau Selbstmord beging, musste Leary sechs Jahre vor seinem eigenen Tod auch den Suizid seiner Tochter in einer Gefängniszelle verkraften.

Ob er irgendetwas in seinem Leben bereue, wurde Leary in einem Interview kurz vor seinem Tod gefragt. Leary, der in seinem Leben «mehrere hundert, wenn nicht tausende» LSD-Trips unternommen hatte, antwortete: «Ich hätte mehr lieben sollen. Und ich hätte viel mehr LSD nehmen sollen.»

Der Akademiker

Während Leary zum Rebell und Alpert zu Ram Dass wurde, setzte Ralph Metzner seine Arbeit bei der IFIF fort, gab unter anderem die «Psychedelic Review» heraus. Letztlich trieb es ihn aber in den universitären Betrieb zurück: «Es immer wieder mit den Polizeibehörden zu tun zu bekommen, war zu gefährlich für mich.» Nachdem der Gebrauch von Psychedelika illegal wurde, arbeitete er wieder als Psychologe in Spitälern und eröffnete eine eigene psychotherapeutische Praxis. Später beschäftigte er sich mit Yoga, Meditation und schamanischen Traditionen. Auch er vertrat die Ansicht, dass Psychedelika nur einer von vielen Wegen zu einem erweiterten Bewusstsein sind. In seinem 1971 veröffentlichten «Maps of Consciousness» versuchte Metzner, unterschiedliche Bewusstseinszustände – psychedelische, meditative, mystische und psychologische – in einem gemeinsamen Modell zu beschreiben. Auch er musste noch eine grosse, persönliche Tragödie erleben, als sein Sohn Ari im Alter von acht Jahren bei einem Fahrradunfall starb. Dass Metzner wenige Jahre später als Dekan am California Institute of Integral Studies lehrte, rehabilitierte ihn als Akademiker und führte ihn endgültig in ruhigeres Fahrwasser. Der stille Arbeiter und Helfer seiner Weggefährten starb 2019 im Alter von 82 Jahren.

Der kosmische Tanz

Der Guru, der Rebell, der Akademiker: Drei Lebenswege – drei unterschiedliche Antworten auf den jähen Verlust ihrer gemeinsamen Lebensaufgabe. Die Rollen und Verdienste dieser drei beeindruckenden Menschen werden bis heute kontrovers diskutiert. Insbesondere Leary wird vorgeworfen, der psychedelischen Sache mit seiner lautstarken Propaganda mehr geschadet als genutzt zu haben. James Fadiman widmete sein Buch «The Psychedelic Explorers Guide» unter anderem Leary und traf dabei den Nagel auf den Kopf: «Für Timothy Leary, dem Zerstörer von Struktur und Selbstgefälligkeit, der alles zugleich möglich und unmöglich machte.»

Letztlich haben alle drei Männer ihr Leben für die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins eingesetzt und sich damit um die Evolution der Menschheit verdient gemacht. Nachdem Besitz, Gebrauch und Forschung mit Psychedelika jahrzehntelang kriminalisiert war, scheint der Wind allmählich zu drehen. In vielen Ländern erfolgte mit der Entkriminalisierung von Cannabis ein erster Schritt. In klinischen Studien wird in verschiedenen Ländern wieder intensiv mit LSD, Psilocybin und neu auch mit MDMA geforscht, wobei die beeindruckenden Ergebnisse aus der Harvard-Zeit bestätigt werden. Eine besondere Rolle nimmt die Schweiz ein, wo Ärzte beim Bundesamt für Gesundheit Ausnahmebewilligungen für den therapeutischen Einsatz von Psychedelika beantragen können.

Doch auch ausserhalb klinischer Forschung – und damit des Gesetzes – ist die Verbreitung von Psychedelika nicht aufzuhalten. Nach Erhebungen konsumieren alleine in den USA jährlich 12 Millionen Menschen psychedelische Substanzen – aus unterschiedlichen Motiven: Während Partykonsum weiterhin eine Rolle spielt, sehen immer mehr Menschen bewusstseinserweiternde Substanzen als wertvolle Unterstützung auf ihrem Heilungsweg. Ob dies nun gesetzlich sanktioniert ist, spielt für viele keine Rolle. Dass Leary damit einverstanden gewesen wäre, geht aus «High Priest» deutlich hervor:

«Die Professionellen schätzen es nicht, dass Leute ihre Probleme einfach selbst lösen und ihr Bewusstsein verändern. Das irritiert die Ärzte, sie halten das für unkontrolliert, unbeaufsichtigt und im Grunde nur für den Kick. Sie haben recht. Das ist es – und so sollte es auch sein. Denn genau das ist das Leben selbst: ein unkontrollierter, unbeaufsichtigter, zwei Milliarden Jahre alter Tanz der Energie, dessen Ziel die ekstatische Vereinigung ist.»



Dieser Text erschien zuerst in gekürzter Fassung in der Print-Ausgabe von "Die Freien".
https://www.diefreien.ch

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